Wirksam erziehen

Präsenz in Erziehung und Beratung 

Wenn es um Elternschaft und Kindererziehung geht, ist der Ruf nach Orientierung heute unüberhörbar. Es wird behauptet, Eltern würden von Ratgebern und zahllosen, sich teils widersprechenden Tipps und Tricks erst recht verunsichert. Guter Rat scheint rar und kostbar, zuweilen ist er auch kostspielig.

Elternberatung ist eine herausfordernde Aufgabe, geht es doch im Kern darum, Mütter und Väter in der Ausübung der Erziehungskunst zu unterstützen. Beim Elternnotruf werden am Telefon, per E-Mail oder auch in einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht entwicklungs- und beziehungsförderliche Lösungen erarbeitet. Die Eltern sollen gestärkt werden, die nächsten Entwicklungsschritte des Kindes oder der Jugendlichen zu begleiten. Bearbeitet wird diese an sich schon anspruchsvolle Aufgabe oft unter erschwerten Bedingungen, nämlich in Krisenzeiten und Notlagen. Einige Ratsuchende fühlen sich ohnmächtig und verzweifelt. Vielleicht sind sie masslos wütend auf ein Kind, eine Jugendliche oder auf sich selbst?

Die Verunsicherung und die Überforderung sowie die Hoffnung, Rat zu finden, sind das Verbindende. Jede Frage, jedes Anliegen und jede Familiensituation ist jedoch einzigartig. Der Elternnotruf stellt sich dieser Herausforderung seit nunmehr dreissig Jahren. Als gemeinsames Fundament des Beraterteams hat sich in dieser Zeit ein Erziehungsverständnis rund um den Begriff der elterlichen Präsenz herauskristallisiert.

Elterliche Präsenz wird mit den vier Elementen Verantwortung, Beziehung, Wertschätzung und Struktur inhaltlich gefüllt. Lässt sich das Erziehungsverständnis des Elternnotrufs auch auf dessen Beratungstätigkeit übertragen? Ist der Schlüssel des professionellen Angebots in Analogie zur «elterlichen Präsenz» die «beraterliche Präsenz»?

Grundsätzliches gilt erfahrungsgemäss meist auf verschiedenen Ebenen. Gut illustrieren lässt sich dies etwa am Thema Bildung. Im Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz haben wir Folgendes formuliert: «Eine Pädagogik der Ko-Konstruktion beruht auf Dialog und Zusammenarbeit. Auch Erwachsene sind – trotz ihres Erfahrungs- und Wissensvorsprungs gegenüber den Kindern – aktive und lebenslange Lernende. Sie müssen offen und bereit dafür sein, sich als solche zu begreifen und sich auf die Lernprozesse mit Kindern einzulassen. Erwachsene haben nicht die Rolle der ‘belehrenden Experten’. Sie sind zusammen mit den Kindern Teil einer Lerngemeinschaft.»

Der Bildungsprozess ist so verstanden ein individuelles und soziales Geschehen zugleich. Er bezieht seine Energie aus der Neugier und der inneren Motivation, etwas lernen zu wollen. Gleichzeitig vollzieht er sich ko-konstruktiv, in wechselseitigem Austausch zwischen Menschen. Dies gilt ab Geburt und über die ganze Lebensspanne. Je nach Konstellation ist das Verhältnis zwischen den Beteiligten mehr oder weniger symmetrisch oder ergänzend. Das skizzierte Bildungsverständnis ist auf Weiterbildungssituationen und Teamprozesse wie auch auf Beratungsprozesse übertragbar.

Die Beraterinnen und Berater lassen sich mit ihrer «beraterlichen Präsenz» also auf einen Lernprozesse ein. Dies ist ihr Angebot und dafür übernehmen sie Verantwortung. Die Beratung findet innerhalb bestimmter Strukturen statt. Die Spielregeln sind transparent und klar. Dies erleichtert es den Ratsuchenden und den Ratgebenden gleichermassen, die Orientierung trotz belastender Probleme und starker Emotionen nicht zu verlieren. Gelingende Beratung ist ferner nur möglich, wenn die Sichtweisen, Emotionen, Fragen und Ideen der Ratsuchenden von den Beraterinnen und Beratern wert geschätzt werden. Ko-konstruktiv kann daraus im Beratungsprozess etwas Neues entstehen, das in den rat-suchenden Eltern und in deren Alltag wirksam werden kann. Beratung beinhaltet mit dem Angebot einer gemeinsamen Suche nach Lösungen immer auch ein Beziehungsangebot, ohne dies zum Gegenstand der Beratung zu machen.

Weitere Informationen finden Sie in unserer Broschüre.